Erzählungen

Bild aus "Die Erzählungen des Rabbi Nachman"

Die „Erzählungen der Chassidim“ entstammen dem Band „Chassidismus III“ (Martin Buber Werkausgabe, Band 18), herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Ran HaCohen, der demnächst im Gütersloher Verlagshaus erscheinen wird. © Gütersloher Verlagshaus, in der Verlagsgruppe Random House, Gütersloh/München

Die sechzig Helden

Es heißt, die Seele des Israel ben Elieser habe sich geweigert, in diese niedre Welt hinabzufahren; denn sie scheute sich vor den Brandschlangen, die in jedem Geschlecht einherzüngeln, und fürchtete, sie könnten ihr den Mut schwächen und sie zunichte machen. Da gab man ihr sechzig Helden mit, den sechzig gleich, die das Lager des Königs Salomo umstanden gegen den Schrecken in den Nächten –

Die zwiefältige Welt

Rabbi Baruch sprach einmal: »Was für eine gute und lichte Welt ist das doch, wenn man sich nicht an sie verliert, und was für eine finstere Welt ist das doch, wenn man sich an sie verliert!«

Wie der Sasower die Liebe lernte

Rabbi Mosche Löb erzählte: »Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die andern alle, als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: ›Sag du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?‹ Jener antwortete: ›Ich liebe dich sehr.‹ Er aber sprach wieder: ›Du sagst:

Nicht mehr als dies

Man fragte Rabbi Bunam: »Es steht geschrieben: ›Ihr aber sollt mir sein ein Königsbereich von Priestern, ein heiliger Stamm. Dies sind die Worte, die du zu den Söhnen Jisraels reden sollst.‹ Dazu bemerkt unser Lehrer Raschi: ›Dies sind die Worte, nicht weniger und nicht mehr.‹ Was  meint er damit?« Rabbi Bunam erklärte: »Mose war gut. Er wollte dem Volk mehr offenbaren, aber er

Der hilfreiche Berg

Es wird erzählt: »Steil und abschüssig sind die Gipfel jenes Gebirges, an dessen sanftem Hange Israel ben Elieser wohnte. In den Stunden der Abgeschiedenheit pflegte er zu ihnen aufzusteigen und hier zu verweilen. Einmal war seine Verzückung so tief, daß er nicht merkte, als er am jähen Abgrund stand, und gelassen den Fuß zum Weitergehen hob. Da sprang der Nachbarsberg herbei, drückte sich

Der starke Dieb

Der Maggid von Mesritsch sprach: »Jedes Schloß hat seinen Schlüssel, der ihm eingepaßt ist und es öffnet. Aber es gibt starke Diebe, die wissen ohne Schlüssel zu öffnen: sie erbrechen das Schloß. So läßt sich jedes Geheimnis der Welt durch die besondere Versenkung, die ihm eingepaßt ist, erschließen. Gott aber liebt den Dieb, der das Schloß erbricht: das ist der Mensch, der sich das Herz

Miriams Brunnen

Ein Enkel des bekannten Jakob Fisch, eines zugleich reichen und frommen Mannes, den der Baalschem mit beiden Händen gesegnet hatte, daß er uralt werde, und in der Tat, er wurde hundertunddreizehn Jahre alt und sein Gesicht war jung geblieben, erzählte: »Der Gutshof meines Großvaters lag unmittelbar neben der Stadt Kalew. Einmal, vor Anbruch des Versöhnungstags, schon gegen Abend, als im Bethaus

Im Pelz

Der Kozker sagte einmal von einem berühmten Rabbi: »Das ist ein Zaddik im Pelz.« Die Schüler fragten, wie das zu verstehen sei. »Nun«, erklärte er, »einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein andrer kauft Brennholz. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch andern Wärme spenden.«

Das Pochen am Fenster

Einmal in jungen Jahren hatte der Baalschem an einem Freitag noch nichts in seinem Haus, den Sabbat zu rüsten, keinen Brocken und keinen Heller. Da pochte er am frühen Morgen leis ans Fenster eines wohlhabenden Mannes, sprach: »Es gibt einen, der hat nichts für den Sabbat«, und ging sogleich seines Wegs. Der Mann, der den Baalschem nicht kannte, lief ihm nach und fragte: »Wenn Ihr einer Hilfe

Der Rabbi und der Engel

Rabbi Schmelke, der Raw von Nikolsburg, und sein Bruder Rabbi Pinchas, der Raw von Frankfurt am Main, wurden schwer enttäuscht, als sie an einem Freitag das erste Mal in das Haus des großen Maggids kamen. Sie hatten eine lange und wohlgeschmückte Begrüßung erwartet; er entließ sie nach kurzem Gruß, den Vorkehrungen zum Empfang eines höheren Gastes, des Sabbats, hingegeben. Sie hatten erwartet,